Jagd mit unschönen Szenen
Gedanken zur zurückliegenden Jagd
Kaum zu glauben, wie schnell wieder ein weiteres Jahr vergangen
ist. Es ist Dezember und damit die Zeit der vielen
Rückblicke, im TV und anderswo. Auch wir Jägerinnen
und Jäger dürfen zurückblicken – auf eine emotionale und
berührende Jagdsaison, voller fantastischer Eindrücke,
erinnerungswürdiger Begegnungen und farbiger Naturmomente,
die man nicht kaufen und nicht im Lehnstuhl
erleben kann.
Ein Jäger erzählte mir kürzlich mit leuchtenden Augen von
einem «Auge-in-Auge-Moment» mit einem stolzen Kronenhirsch
– an diesem Tag geschützt, egal, unvergesslich.
In seiner Stimme lag ehrliche Achtung und Dankbarkeit,
einfach diesen Moment erleben zu dürfen. Ein anderer berichtete
mir vom kleinen Augusthasen, der nur zehn Meter
vor ihm innehielt – und von seiner bewussten Entscheidung,
den Abzug nicht zu drücken. «Es war eine wunderschöne
Begegnung», sagte er. Solche Erzählungen zeigen:
Die Jagd ist weit mehr als zählbare und wiegbare Beute.
Zählbarer Jagderfolg = Jagdglück?
«Ich habe nur ein Reh erlegt» – oder «nur» eine Hirschkuh.
Solche Sätze hört man immer wieder, oft von jenen,
die sonst gewohnt sind, mit prall gefülltem Rucksack
heimzukehren. Wenn dann schlechte Laune und Schuldzuweisungen
folgen, geht der Sinn der Jagd verloren. Die
persönliche Jagd misst sich nicht nur in Zahlen, sondern
in Erlebnissen und Erfahrungen. Zahlen, vor allem grosse
Zahlen, sind Sache des AJF. Für den Jäger und die Jägerin
zeigt sich das «Erlebnis Jagd» nicht in der zahlenmässigen
Grösse des Erfolgs, sondern im Bewusstsein für das Erlebte.
Die persönliche Einstellung zur Jagd in vier Worten
Demut, Achtung, Dankbarkeit, Respekt. Diese vier Werte
sind das Herz der Bündner Jagd. Ich bin überzeugt: Die
meisten von uns brauchen kein Merkblatt, um die Bedeutung
zu erkennen – sie tragen diese Worte längst im Herzen.
Respekt und Achtung, sowohl gegenüber dem Wild als
auch gegenüber der Jägerschaft und der Nichtjägerschaft
sind unser Rückgrat. Wenn wir das vergessen, nützt auch
die beste Öffentlichkeitsarbeit des BKPJV nichts. Denn
Glaubwürdigkeit entsteht nicht auf dem Papier, sondern
im täglichen Tun.
Weckruf des Jagdinspektors
Im letzten Grünen Draht hat Jagdinspektor Adrian Arquint
bedenkliche Worte gefunden: «Sorgen bereitet mir eine
zunehmende Entwicklung an negativen Vorfällen im Zusammenhang
mit dem Verhalten einzelner Jäger, aber auch
ganzer Gruppen gegenüber anderen Jägern, Nichtjagenden,
dem Wild und der Wildhut.»
Wenn der Jagdinspektor so offen spricht, dürfen wir das
nicht als Kritik, sondern müssen es als Steilpass annehmen.
Hier besteht Verbesserungspotenzial. Das Thema ist für
uns ja kein Tabu. In der Jungjägerausbildung wird Respekt
deutlich vermittelt. Wir werden prüfen, ob das Thema bei
der Ausbildung und Weiterbildung noch mehr Gewicht
erhalten soll – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern
mit dem Bewusstsein, dass es sich um einen elementaren
Bestandteil der modernen Jagd handelt.
Mit einem Wunsch in die besinnliche Zeit
Für das zu Ende gehende Jahr wünsche ich mir deshalb,
dass jene, die sich in der vergangenen Saison nicht immer
weidmännisch verhalten haben, die stillen Tage nutzen und
das Geschehene reflektieren. Das Jagdglück darf nicht an
einem einzigen Ziel gemessen werden. Wer weitere Ziele
für sich aufzählen kann, handelt im Sinn der Bündner Jagd.
Der BKPJV wird diesen Leitgedanken weiterhin offen ansprechen
– und dort das Gespräch suchen, wo hoher Jagddruck
zu Missgunst, Streit oder gar unweidmännischem
Verhalten führt. Nur gemeinsam können wir erfolgreich
sein und das bewahren, was unsere Jagd ausmacht: unsere
innere Haltung – Freiheit, Verantwortung und ein Herz
für die Jagd als Ganzes. Sie sind unser Kapital, wenn wir
die Jagd in eine gute Zukunft führen wollen.
Euer Präsident
Tarzisius Caviezel
